Der Preis ist Scheiß!
Werber wissen: zum kollektiven Aufdieschulterklopfen und Auswärtsprollen gehören Kreativ-Awards und andere prestigeträchtige Preise. Schließlich müssen wir ja irgendwie, irgendwo, irgendwann einmal sagen dürfen: Tach, ich bin der Geilste!
Glück hat, wer daran teilnehmen kann. Der Rest von uns verbrennt seine Lebenszeit im Limbus der Kundenpräferenzwerberei.
Werber wissen auch: das Kundenmarketing hält sich auch für die Geilsten. Dort ist man kreativ hyperaktiv und weiß zu jedem Thema alles oder es zumindest besser – man hat schließlich studiert. Was liegt also näher, als auch auf Kundenseite nach Bestätigung zu suchen.
Diesem Umstand schulden wir jedes Jahr ein ganz besonderes Briefing für den deutschen Verpackungspreis. Letztes Jahr war man, trotz Einreichung einer bunt bedruckten Pappschachtel, unerwartet leer ausgegangen. Schon damals entzog sich mir jedes Verständnis für die Idee, diese formlosen und eigenschaftsfreien Verpackungsvariationen des Kunden könnten in irgendeiner Weise ausgezeichnet werden. Da ich ja aber weiß, dass ich nichts weiß, lass ich mich immer wieder gerne eines Besseren belehren.
Fazit beim Kunden: da es ja an der Klasse der Verpackung nicht liegen kann, versuchen wir es nächstes Mal halt mit Masse. So sollten wir also dieses Mal gleich vier Verpackungs-Klopper an den Start schicken. Strickt nach dem altbewährten Marketing-Motto: if you’re going to fail, you might as well fail big!
Zu jedem dieser vier Wunderwerke sollte ich dann einen Anmeldebogen ausfüllen um die Einreichung zu begründen entschuldigen. Neben einer allgemeinen Beschreibung wurden fünf Bewertungskriterien abgefragt – hier mal an einem Beispiel faktengetreu ausgefüllt:rechtfertigen
Allgemeine Beschreibung
Einfacher Karton mit Sichtfenster aus Plastikfolie, der zwei Getränkedosen aus dem Standardsortiment sowie eine Gratis-Tasse aus chinesischer Billigproduktion enthält.
Ergänzende Erläuterungen
Die Gratiszugabe sorgt für ein angenehm-langanhaltendes Brennen auf den Lippen und färbt diese in ein natürliches Blutrot.
Funktionalität:
Der Karton lässt sich ganz einfach öffnen und auch wieder schließen. Je nachdem, ob man den Karton lieber auf oder zu haben möchte. Ein Spaß für die ganze Familie.
Neuheitsgrad:
Dieser Karton ist jetzt mehr Karton denn je, also die 2.0-Version. Das ganze Ding ist halt so richtig derbe kartonmäßig. Wir nennen ihn deshalb intern: The Uberkarton.
Emotionalität / Design:
Der Karton featured in der aktuellen Version acht Ecken, acht Kanten und sechs Seiten. Dadurch ist der Look&Feel des Bundles einfach total edgy.
Wirtschaftlichkeit:
Bei einer Abnahmemenge von 3 Paletten bekommt der Marktleiter sogar einen Reisekoffer obendrauf. So kann er getrost in Urlaub fliegen während diese „Umsatz-Berserker“ den Laden hüten. Ein echtes Win-Win-Paket.
Ökologie / Sicherheit:
Der Karton ist mit Sicherheit zu 50% ökologisch abbaubar.
Natürlich bestachen auch die anderen Bundles durch ähnliche Gewöhnlichkeiten. Also viermal der gleiche Dreck in anders schön und ab zur Abstimmung mit dem Kunden damit. Pünktlich nach Feierabend kam dann die unerwartete Erleuchtung:
„Karl Arsch (Name geändert) und ich sind das vorhin durchgegangen und haben schließlich beschlossen, nicht am Verpackungspreis teilzunehmen. Wir sind uns nicht sicher, ob unsere Verpackungen, nicht unsere Produkte und Produktvariationen, verpackungspreiswürdig bei einer Verpackungsmesse sind.“
Man sollte diese etwas eigenwillige Formulierung nicht logisch weiter führen, sonst macht man sich nur selber Angst … große Angst.