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January 20, 2011

In allen Ecken muss was stecken

Text ist ja nicht gleich Text, sondern Text gibt’s in verschiedenen Sorten. Das wissen Sie sicher noch aus der Schule.

 

Was Sie vielleicht noch nicht wussten: In der Werbung gibt’s sogar noch mehr Sorten als in anderen Bereichen des Lebens. Da ist zum Beispiel der so genannte Blindtext, den der gemeine Grafiker ins Layout dübelt, um dem Kunden vor Augen zu führen, dass man seine Broschüre nicht als reines Bilderbuch konzipiert hat. Zuweilen bemerkt der Kunde erst in diesem Moment, dass auch er eine Bringschuld hat und, tunlichst noch vor der Übergabe des Dokuments an den Drucker, die zur Erstellung des Textes notwendigen Informationen über Gabelstaplerzinken und -anbaugeräte beibringen sollte (bisher dachte Herr Lupfmann von Stapelmeier & Söhne, dass sei selbstverständliches Allgemeinwissen). Andernfalls steht nämlich später in der fertigen Messebroschüre noch „lorem ipsum“ oder auch „guaradisch nedunfeg“, und Firmenpatriarch Stapelmeier sen. bekommt einen seiner berüchtigten Tobsuchtsanfälle.    

 

Zuweilen überlebt der Blindtext aber auch im fertigen Dokument, wo er allerdings oft nur auf den zweiten Blick als solcher zu erkennen ist. In diesen Fällen hat der Kunde oder auch der von ihm beauftragte Grafiker beschlossen, dass die Seite in der Broschüre sonst „irgendwie nackt“ aussähe. Und da der Einkauf von Bildmaterial bekanntlich viel Geld kostet, Buchstaben hingegen für noppes zu haben sind („26 for the price of none!“), ist jetzt mal wieder die Ameisenspuren-Abteilung gefragt, ein bisschen was Ornamentales beizusteuern: Text als dekoratives Element, „damit auf der Seite was passiert“.  

 

Zuweilen nimmt das Prinzip „In allen Ecken muss was stecken“ freilich absurde Züge an. So hat uns Kunde Kaufmich & Dusau erst kürzlich wieder dazu verdonnert, eine kleine Textklinke zu verfassen.

 

Die sollte sich mehr oder minder schmuck im Umfeld eines stilisierten Zifferblatts tummeln, und erscheinen sollte beides auf der ersten Seite des Prospektes, in dem Kaufmich & Dusau Schweinebauch & Co. anpreist (was nicht im Sinne einer Untermarke zu verstehen ist, sondern fürs Lebensmittelsortiment stehen soll). Nun unterstellt unsereiner ja quasi-reflexartig, ein im Rahmen des Schweinebauch-Verkaufs geschwurbelter Text müsse eine für den Leser im weitesten Sinne nützliche oder doch zumindest erfreuliche Information transportieren.

 

Der Schluss, das Uhrensymbol und der erläuternde Text verwiesen, zum Beispiel, auf eine verlängerte Öffnungszeit, lag also durchaus nahe. Allein, weit gefehlt! Kaufmich & Dusau hatte vielmehr beschlossen, die geneigte Kundschaft von der dräuenden Umstellung der Uhr auf die Sommerzeit ins Benehmen zu setzen. Die geschieht bekanntlich am letzten Märzwochenende, und das dankenswerter Weise um 2.00 Uhr morgens – sprich: an einem Tag und zu einer Stunde, zu der erfahrungsgemäß vergleichsweise wenige Schweinebauch-Interessenten dem örtlichen Supermarkt die Bude einrennen. Allerdings hat die Frage nach Wieso, Weshalb und Warum Kaufmich & Dusau noch nie angefochten. Und weil unsereins so günstig ans ABC kommt, haben wir ihm den Wunsch nach der dekorativen Kurzprosa natürlich gern erfüllt.