GeburtstARGHskarten
„Dein Kunde, ein nicht ganz unbekannter Hersteller von Molkereiprodukten, hat einen neuen Wellness-Drink auf den Markt gebracht. Leider sind die Umsätze, die er mit seinem Blumenkohl-Smoothie erzielt, bislang hinter seinen Erwartungen zurückgeblieben; erste Händler verramschen das als Premium-Erzeugnis beworbene Getränk bereits. Mit welcher preiswerten Kampagne machst du den Drink doch noch zum neuen Kultgetränk?“
Jaja, so sind sie, die typischen Copytest-Aufgaben. Mit der Wirklichkeit im harten Agenturalltag haben sie natürlich wenig zu tun. Realistische Anforderungen an den Texter sehen ganz anders aus. Zum Beispiel so:
Die Frau vom Vorstandsvorsitzenden hat demnächst Geburtstag. Schlage ein Geschenk und eine begleitende Karte vor, mit der ihr Mann ihr eine Freude bereiten kann. Zum Hintergrund: Die Insel vor Dubai, die ihr Gatte ihr angeblich zu Weihnachten geschenkt hat, fand sie „wohl irgendwie ganz nett, aber jetzt auch nicht sooo prall“.
Berater verwechseln solchen Galimathias gern mit harten Fakten und scheinen grundsätzlich zu glauben, die Textabteilung könne das, was nicht gesagt wird, aus dem Flug der Vögel lesen. Auf die Bitte, noch mal beim Kunden anzurufen, reagiert die Beratung pikiert – offenbar gibt es für Fragen wie die nach dem Namen sowie den Interessen und Hobbys des Geburtstagskindes eine Art Zeitfenster, das immer gerade zugefallen ist. Nach dem Alter fragt man eine Dame ohnehin nicht, und das Tagesdatum des Wiegenfestes kann so wichtig ja auch nicht sein. Wesentlich ist eigentlich nur eines: Was nach einem Job klingt, ist in Wirklichkeit natürlich nur eine kleine Gefälligkeit und wird dem Kunden als solche nicht in Rechnung gestellt – weshalb es ganz, ganz wichtig ist, auf die Quadratur des Geburtstagstortenkreises nicht mehr Zeit als unbedingt nötig zu verwenden (in der Vorstellung der Beratung meist „’n halbes Stündchen“).
Der Texter knurrt, fletscht angesichts der Zeitvorgabe „ist leider dringend“ die Zähne, wünscht die Beratung auf den Mond und beginnt danach umgehend mit der Recherche der aktuellen Ticketpreise für Flüge ins All und anderer Extravaganzen; die Beratung macht erstmal Mittagspause und schmökert weiter im neuesten Kriminalroman, von dessen Held mit dem ausgeklügelten Profiling-Know-how sich die Textabteilung ruhig mal eine Scheibe abschneiden könnte.
Im Anschluss daran schaut die Beratung gutgelaunt im Texterbüro vorbei, fragt unverbindlich an, „was denn die Geburtstags-Ideen machen“, pickt sich aus der Liste mit 30 Vorschlägen diejenigen zwei heraus, die ihr persönlich am besten gefallen, und leitet diese an den Kunden weiter. Der reagiert, was selten genug ist, ziemlich prompt, und wenig später wird die Beratung erneut in der Textabteilung vorstellig: „Ich fürchte, wir müssen da noch mal ran. Dafür habe ich aber ein paar zusätzliche Infos für euch: Es geht gar nicht um den Vorstandsvorsitzenden, sondern den Aufsichtsratsvorsitzenden. Und auch nicht um dessen Frau, sondern um dessen Sohn.“ Der, wie sich im Folgenden herausstellt, auch nicht Geburtstag feiert, sondern demnächst sein Abi macht.
Bevor die Textabteilung damit beginnt, sich die erste Überstunde lang Gedanken über eine witzige Karte zu machen, die der Papa seinem Junior ans erste eigene Cabriolet heften kann, wirft erstmal irgendwer mit einem Wörterbuch nach der Beratung und rät dazu, darin mal beizeiten den Begriff „zusätzlich“ nachzuschlagen und sich Gedanken über den Bedeutungsunterschied zwischen „zusätzlich“ und „neu“ zu machen. Und während hinter den Hügeln die Sonne versinkt, wünscht sich die Textabteilung mal wieder, sie dürfte eine richtig geile Kampagne für Blumenkohl-Smoothies entwickeln – und dass die Beratung den Kunden bei der nächsten Gelegenheit vielleicht mal darauf hinweist, dass es Menschen gibt, die so viele Glückwunschkarten für verschiedenste Gelegenheiten haben, dass sie welche verkaufen müssen.