Re-Evolution
In der Medizin gilt man gemeinhin als verstorben, wenn keinerlei Hirnaktivität mehr messbar ist. Aber Mediziner treiben sich ja auch selten in Werbeagenturen rum.
Denn viele Exemplare des gemeinen Homo advertorius agenturensis kommen auch blendend ohne klar.
Im Laufe der Zeit hat es diese erstaunliche Spezies geschafft, einige der Aufgaben, die zuvor das Gehirn erledigen musste, auf Zellebene auszulagern. Also beispielsweise atmen, sehen, scheißen und – ganz wichtig – rumstänkern. Gerade durch letzteres täuscht der Homo advertorius agenturensis sich und anderen evolutionär benachteiligten Lebensformen so etwas wie Fachwissen vor. In der Biologie nennt man so etwas, glaube ich, Mimikry.
Ein gutes Beispiel für diese Zelldenkung ist das, was ich Begriffs-Autismus nenne. Beim Begriffs-Autismus ist der Betroffene der festen Ansicht, ein Thema sei so lange nicht ausreichend expliziert worden, so lange der zugehörige Oberbegriff nicht in großen Lettern über allem prangt. So ist beispielsweise eine Anzeige, die sich auf den Sommer beziehen soll solange nicht sommerlich genug, bis auch wirklich “Sommer” drübersteht. Ganz gleich, wieviele Bikinimädchen und -männchen (wir sind da progressiv) sich neben der Beachvolleyballszene bei prallem Sonnenschein gegenseitig mit Sonnenmilch (Lichtschutzfaktor 70) die exponierten Körperteile eincremen. Völlig mumpe! Steht nicht “Sommer” drüber, wird es schon irgendwo irgendjemanden geben, der den Jahreszeitbezug im Juli nicht herstellen kann.
Das ist dann natürlich immer auch derjenige, der eigentlich vorhatte, für 64 Trilliarden Euro Produkte unseres Kunden zu kaufen, nach Betrachten der Anzeige aber leider völlig verwirrt vor den nächsten Bus gelaufen ist. Konsequenz:
Mann tot, Kunde pleite, Agentur auch – Armageddon.
Damit das nicht passiert hat die Evolution beim Homo advertorius agenturensis dafür gesorgt, dass das aufs-Offensichtliche-pochen nicht mehr den umständlichen Weg über dieses Hirndingsbums gehen muss, sondern dass die Zunge von sich aus ohne Verzögerung ein empörtes: “Da steht ja gar nichts von Sommer!” in die Welt spucken kann, sobald eine Sommerheadline ohne das Wort „Sommer“ daher kommt.
Toll diese Evolution! Schade, dass da nicht jeder mitmacht.