Die haben doch den Arsch geöffnet!
Gefühlt alle 5 Minuten verlangen Handelskunden – und zwar ALLE Handelskunden – von uns neue, innovative Ansätze zur Öffnungszeitenkommunikation. Für Laien: Das sind die unglaublich kreativen Schilder an den Läden, auf denen „Von 7 bis 22 Uhr geöffnet“ steht. Nun sollte man meinen, dass sich der Einfallsreichtum bei diesem Thema schnell erschöpft. Finden wir Texter auch – aber sowohl unsere Kunden als auch unser Chef glauben, dass hier noch viel geht und dass wir Mal für Mal für Mal bis in alle Ewigkeit ein wahres Feuerwerk an Ideen anzünden können.
Nun – mein Talent für Pyrotechnik hielt sich schon nach dem zweiten Öffnungszeitenschild (vor ca. 6 Jahren) schwer in Grenzen. 1.000 Schilder später hat sich daran nichts geändert und so wurde mein kleines Texterherz auch recht schwer, als erneut der Ruf nach dem Pulitzer-Preis-verdächtigen, die Kunden wie ein Magnet in den Markt ziehenden Plakat laut wurde.
Natürlich habe ich dennoch sofort die Profi-Textmaschine angeworfen:
-
Kollege fragen, ob der Zeit für einen Super-Job hat
-
Sich hohles Gelächter anhören und Kollegen ab dann nur noch von hinten sehen
-
Konzentrieren (d.h. Textarchiv öffnen)
-
Inspiriert arbeiten (d.h. schamlos von sich selbst klauen)
-
Fertiges Ergebnis an Chef schicken (d.h. hoffen, dass der sich nicht an den alten Kram vor 4 Jahren erinnert)
Hauptaussage meines tollen Textes war so etwas wie „Offen für Sie: Von Morgens bis Nachts!“ Ja, ich weiß – eher so der kleine China-Kracher unter den Feuerwerkskörpern. Dennoch hatte ich nicht mit dem sofortigen, wütenden Schrillen des Telefons gerechnet. Am anderen Ende: Chef, kurz vor Schlaganfall und Herzstillstand. Ich sollte doch mal SOFORT den hirnverbrannten Idioten, der diesen Bullshit geschrieben hat, zu ihm schicken. Schluck. Hat er wohl doch gemerkt, dass der Text nicht ganz so taufrisch war …
Weit gefehlt. Einmal vor dem Schreibtisch stehend, musste ich nur ca. 20 Minuten warten, bis aus dem ohrenbetäubenden Geschrei verständliche Sprache wurde – etwa so (Text vom Autor arbeitsplatz-tauglich zensiert): „ Wie oft muss ich euch **** noch sagen, dass man NIE „offen“ schreibt, sondern **** IMMER nur „geöffnet“???? Wenn ich das noch mal seh, reiß ich dir den **** auf und **** dir in den ****!!!!!“
Oh. Stimmt. Vergessen. „Offen“ gibt’s ja nicht – genauso wenig wie „deftig“ (ekliges Wort, man schreibt „herzhaft“) oder „Süße Sünde“ (sofortige Kündigung garantiert). Ich muss es geöffnet zugeben – das hatte ich einfach nicht bedacht. Ich bin eben nicht so geöffnet für die Feinheiten der Deutschen Sprache.
Und die Moral von der Geschicht? Darf ich geöffnet sein: Keine Ahnung – aber ich bin voll geöffnet für Vorschläge!