Rockt das Haus!
„So, ihr Pfeifen – jetzt macht euch mal endlich locker im Schritt!“
Wie bitte? Nein, wir sind hier nicht auf dem Fußballplatz. Der Herr, der da gerade so berufsjugendlich aufgeregt herumzappelt und seine Mannschaft zu neuen Höchstleistungen antreiben will, ist auch nicht der Bundestrainer, sondern seines Zeichens Geschäftsführer einer Werbeagentur.
„Haut, verdammt noch mal, so richtig auf die Brause!“
Dass man einander „in der Werbung“ nicht siezt, sondern duzt, dürfte sich spätestens seit „Anna und die Liebe“ auch unter Branchenfremden herumgesprochen haben. Was das Fernsehen mangelhaft bis ungenügend abbildet, ist freilich die Mischung aus Führerbunker-Durchhalteparolen und Mantafahrerkneipen-Sprech, die selbst manche Agenturchefs in fortgeschrittenem Alter noch für den im Rahmen der dienstlichen Unterweisung von Mitarbeitern alternativlosen Umgangston halten.
„Was’n das für ’ne schwule Kacke!? Ihr müsst da viel mehr Gas geben!“
Wir sprechen hier, wohlgemerkt, von ziemlich gut entlohnten Kräften, die sich viel darauf zugute halten, stets den richtigen Tonfall zu treffen (im Werber-Pidgin auch gern „Tonality“ genannt) und die, wenn man ihren Versicherungen Glauben schenkt, sämtliche Register ihrer Muttersprache so ausgezeichnet beherrschen, dass sie im Golfclub ebenso wenig für hochgezogene Augenbrauen und gerunzelte Stirnen sorgen würden wie im Vereinsheim der Hell’s Angels oder bei der Schwangerschaftsgymnastik.
„Ich will heute abend nur noch echt geile Scheiße auf meinem Tisch sehen, klar!?“
Warum nur ist der Eindruck, der in internen Agenturbesprechungen meist entsteht, ein ganz anderer? Damals, im Halbstarkenalter, habe ich auch gern und oft getestet, welche Verbalinjurien wie bei welcher Zielgruppe ankommen. Im Falle meiner Eltern war die Reaktion ziemlich berechenbar: So, meinten sie meist, könne ich mit meinen Freunden sprechen, aber nicht mit ihnen. „So kannst du später mal im Büro mit deinen Kollegen reden!“ hingegen haben sie kein einziges Mal gesagt, daran würde ich mich erinnern.
„Ey, Leute – ich sag’s nur einmal: Das muss funky sein!“
Wenn Sie sich also das nächste Mal darüber wundern, dass irgendein Texter Sie mal wieder für schwerhörig, gehirnamputiert oder beides zu halten scheint, dann sagen Sie sich bitte einfach Folgendes: Verantwortlich für die Anzeige im Kasernenhofton ist wahrscheinlich nicht die Kreativabteilung einer Werbeagentur (dort arbeiten nämlich oft durchaus höfliche Menschen, die den Halbstarken-Jargon mit dem Ende ihrer eigenen, erfolgreich bewältigten Pubertät abgelegt haben), sondern ein schwerhöriger Gehirnamputierter, der schon im Alter von 13 Jahren immer nur von sich auf andere geschlossen hat und sich noch nie vorstellen konnte, dass Briefings und deren Ergebnisse anders klingen können als das, was Sänger von drittklassigen Heavy Metal-Kapellen ihrem Publikum vom Bühnenrand entgegenbrüllen: Rockt das Haus!